Christian H. Leeb - Der Portfolio Entrepreneur im Interview: "Ich denke, dass generell das Wort 'Risiko' überdacht werden muss."

Risikokapitalgesellschaften treiben Geld bei institutionellen Investoren und wohlhabenden Personen auf, investieren aber selbst nur einen Bruchteil eigenes Kapital in Unternehmen.
Business Angels investieren in Relation mehr eigenes Geld.
Ein Artikel auf ReadWrite hat kürzlich gefragt, ob Crowdfunding klassische Risikokapitalgesellschafts basierte Finanzierung ersetzen könnte
(Anmerkung: http://readwrite.com/2012/05/18/will-crowdfunding-crowd-out-venture-capital)
- kann oder wird Crowdfunding Riskiokapital in Zukunft ersetzen?

Christian H. Leeb: Das denke ich nicht. Kickstarter als Crowdfunding-Pionier ist mittlerweile ja auch schon mehr ein Marketing-Instrument als eine reine Finanzierungsplattform.


Ich denke, dass generell das Wort 'Risiko' überdacht werden muss.

Christian H. Leeb - Der Portfolio Entrepreneur.

Die eine Logik sagt, dass Gesetze und Institutionen da sein müssen, die Risiko bewerten und einschätzen können. Und dass man den, der Geld gibt, schützen muss. Tatsache ist, dass genau diese Strukturen immer mehr versagen. Zudem kosten sie unnötig viel Geld. Hier erwarte ich schon, dass viele der gesetzlichen Regelungen aufgeweicht werden, sodass mündige BürgerInnen selbst entscheiden, ob und wo und wieviel sie investieren. Ich erwarte auch, dass das steuerliche Vorteile bringt. So gesehen sollte Heini Staudinger mit seinem Modell Beispiel sein und nicht Buhmann.

Zu den Risikokapitalgebern möchte ich sagen, dass es in Europa nur einige wenige gibt. Die meisten nehmen kein Risiko, sondern versuchen mit viel Aufwand - der ja dann auch irgendwie bezahlt werden muss - ein Portfolio zusammenzustellen, das davon ausgeht, dass eines der Targets (wie das so schön heißt) hochgeht wie eine Rakete und alle anderen mehr oder weniger nichts werden. Das heißt aber auch, dass von dem einen alles verlangt werden wird. Da man aber nicht weiß, welches Startup in dem Portfolio das sein wird und sich viele VCs die Finger in der Vergangenheit verbrannt haben, werden VCs immer langsamer, investieren immer später und haben immer mehr rechtliche Spitzfindigkeiten, sodass dieses Instrumentarium mittlerweile eigentlich gegen das Startup wirkt. In diese Lücke springen Super-Business Angel, die selbst entscheiden, weil es ihr eigenes Geld ist. Diese organisieren sich auch in Gruppen.

Ich denke auch, dass die Triebfeder, aus Geld noch mehr Geld zu machen die falsche ist.
Das betrifft auch viele der Business Angels. Die meisten sind nicht so sehr interessiert daran, dass das Startup ihre Businesidee umsetzen kann, sondern ob das Startup auch schnell genug Geld abwirft und sie ihr investiertes Geld rasch vervielfachen können.

Viele der sogenannten Business Angels in Österreich reden mehr als sie tun. Einige investieren lächerlich wenig (z.B. 5.000 Euro - das aber notariell beglaubigt und mit Privatvermögen der Gründer besichert), andere wiederum sind lästig, weil sie sich dauernd fachlich einmischen ohne viel zu verstehen, einige verhandeln wochenlang und halten das Startup auf, weil sie unbedingt eine Bewertung und damit möglichst viele Anteile der Firma haben wollen. Diese Bewertung ist aber zu einem frühen Zeitpunkt einfach nicht möglich.

 

Fast alle können sich nicht vorstellen, dass es für ein Startup schwierig sein kann, 1.000 Euro aufzustellen. Ich höre dann immer: 'na, dann fragst halt deine Oma" - tja, die Oma hat aber schon ihr Geld hergegeben, das auch schon verbraucht ist.

Deswegen mag ich auch keine Business Angel-Vereinigungen, wo in teuren Hotels bei Champagner untereinander diskutiert wird und dann am Nachmittag ein paar Startups präsentieren dürfen. Das erinnert mich irgendwie an Rom mit den Gladiatorenkämpfen oder ans Mittelalter mit Königen und Spielleuten.

Auch halte ich nichts von diesen Startup-Veranstaltungen, bei denen eine Jury das beste Startup kürt. Die Jury besteht meist aus Mitarbeitern der Firmen, die die Brötchen zahlen. Ebenso kritisch sind Riesenveranstaltungen mit Vorträgen und Diskussionen. Es ist zwar logistisch eine Meisterleistung, viele Teilnehmer mit Essen und Trinken zu versorgen, die Entrepreneure profitieren aber nicht wirklich. Vielfach müssen sie auch noch Eintritt bezahlen und haben ein paar wertvolle Tage verloren. Dass bei solchen Veranstaltungen der eine Investor gefunden wird, ist eher unwahrscheinlich; dass man hier den alles entscheidenden Einfall für das eigene Startup bekommt, ebenso.

Ich denke, dass es immer mehr Menschen geben wird, die ihr Wissen und Können zur Verfügung stellen werden ohne gleich Geld zu verlangen, die bereit sind, Risiko und Chance gleichermaßen zu tragen.
Denken Sie nur an die vielen Pensionisten, die man in klassischen Firmen früh los werden will, die gar kein Geld brauchen, sondern Anerkennung, sinnvolle Beschäftigung, eine Möglichkeit ihre Erfahrung einzubringen.
Denken Sie an Digital Natives, die sich verwirklichen wollen und nur minimal Geld brauchen, damit sie leben können und die keinen Sinn sehen mit 25 schon zu wissen, mit wie viel Geld sie wann in Pension gehen werden, wenn sie sich bis dahin systemkonform verhalten.

Die meisten Gehälter der jetzigen Wirtschaft sind aus meiner Sicht sowieso nur eine Kombination aus Schmerzens- und Schweigegeld. Und immer mehr Menschen steigen aus: Die einen machen etwas anderes - freiwillig, die anderen gehen ins Burnout - natürlich nicht freiwillig.

Sind Business Angels die Engel, während Venture Capitalists oft der Hölle näher sind?
Nein, sehe ich nicht so. Die unterschiedlichen Finanzierungsrunden eines Startups werden von unterschiedlichen Playern gemacht. Damit sind Business Angel früher dran als VCs. Ich bin nur gegen reine Geldorientierung - egal ob das bei einem BA oder einem VC ist.

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"Unternehmertum ist alles einsetzen und seine Idee umsetzen, (fast) ohne Rücksicht auf die eigene Existenz, natürlich nicht blauäugig, aber doch immer bereit die eigene Komfortzone zu verlassen."

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Unternehmertum ist...
... alles einsetzen und seine Idee umsetzen, (fast) ohne Rücksicht auf die eigene Existenz, natürlich nicht blauäugig, aber doch immer bereit die eigene Komfortzone zu verlassen.

Was ist die wichtigste Eigenschaft, die einen Unternehmer auszeichnen sollte?
Gnadenloser Fokus und Umsetzungswille. Psychische Fitness und Weitsicht.

Was wird den Unternehmer des weiteren 21. Jahrhunderts auszeichnen?
Ich denke der Unternehmer des weiteren 21. Jahrhunderts wird weltweit vernetzt sein und vernetzt handeln. Damit einhergehend wird er transparenter, angreifbarer (im positiven wie negativen Sinn). Er wird technologieunterstützt und mobil arbeiten, er wird in ständiger Konversation sein, er wird wenig planen und steuern, weil das Geschwindigkeit raus nimmt und dennoch nicht mehr Klarheit und weniger Risiko bringt.

Er wird sehr achtsam mit sich und der Umwelt umgehen, sich und die Umwelt also nicht ausbeuten, er wird sehr auf eigene Energie und Zeit achten, das sind die Ressourcen, die nicht vermehrt werden können.


Wenn das Meer stürmischer wird, kommt es darauf an, gut zu segeln, in Bewegung zu bleiben, mit den Wellen mitzugehen, trotzdem sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, und nicht angsterfüllt mit wenigen Schwimmkenntnissen im Wasser herumzuschlagen.


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"Ich fühlte mich immer schon als Unternehmer, hatte immer schon so gearbeitet als wären es meine eigenen Firmen - auch als Angestellter.

Meine Triebfeder ist eindeutig die Neugier. Ich bin neugierig wie ein Kind. Und ich kann mich auch über Kleinigkeiten freuen wie Kinder! Viele Leute in meinem Alter haben keine Neugier, sondern nur Altgier. Das finde ich schade!"

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Sie waren in den frühen 90ern bei VOEST Alpine CIO - Chief Information Officer - des Technologiekonzerns VA Tech - was hat Sie motiviert unternehmerisch tätig zu werden und in den Startup-Bereich gebracht?
Ich war bei VA Tech AG der CIO und damit weltweit zuständig für IT, Internet und e-commerce. Das hatte schon seinen Reiz und ich möchte diesen Karriereschritt nicht missen.
Aber ehrlich gesagt bin ich kein Corporate-Typ. Es geht mir alles zu langsam, man muss zu viel Rücksicht nehmen auf zu viele über die Jahre entwickelten und die Unternehmenskultur prägenden Strukturen und Abläufe, Befindlichkeiten und informelle Machtstrukturen. Ich habe den Eindruck, je größer die Firma, umso mehr geht es nicht um die Sache selbst sondern um Macht.

Ich hatte schon einige Stationen vor VA Tech. Überall bin ich so lange geblieben wie ich das Gefühl hatte etwas gestalten zu können. Wenn das nicht mehr möglich war oder zu mühsam wurde, bin ich gegangen. Ich fühlte mich immer schon als Unternehmer, hatte immer schon so gearbeitet als wären es meine eigenen Firmen - auch als Angestellter.
Meine Triebfeder ist eindeutig die Neugier. Ich bin neugierig wie ein Kind. Und ich kann mich auch über Kleinigkeiten freuen wie Kinder! Viele Leute in meinem Alter haben keine Neugier, sondern nur Altgier. Das finde ich schade!

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"Als Student der Informatik habe ich immer schon Lehrkräfte gemocht, die aus der Praxis kamen und ihre Erfahrungen mit uns teilten. Ich denke mir, dass nun ich ein wenig an der Reihe bin, meine Erfahrungen weiterzugeben."

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Als Vortragender der Donau Universität Krems. Was reizt Sie an der Lehre und dem Weitergeben von Erkenntnissen und Wissen?
Als Student der Informatik habe ich immer schon Lehrkräfte gemocht, die aus der Praxis kamen und ihre Erfahrungen mit uns teilten. Ich denke mir, dass nun ich ein wenig an der Reihe bin, meine Erfahrungen weiterzugeben.
Was mich außerdem reizt, ist, dass ich an der Donau Universität mein Netzwerk erweitern kann und dass ich bei den Betreuungen von Masterthesen selbst wieder auf den neuesten Stand gebracht werde. Es ist also ein Geben und Nehmen.

Welche österreichischen Unternehmen finden Sie interessant?
Mir fallen nur Unternehmen aus dem vorigen Jahrtausend ein. Das zählt nicht für die Zukunft. Bei den Startups fällt mir nichts ein.

Innovation ist oft der Schlüssel zum Erfolg - wie verbessern Sie Ihre Innovationsbestrebungen?
Ich bleibe neugierig. Ich beschäftige mich immer mit Neuem, mein Netzwerk hilft mir dabei. Und ich schau was die Kids machen...

 

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